Ein verfilmtes Gebet

Einem Kinokritiker fällt es manchmal leichter, und manchmal schwerer, einen Film in Worte zu fassen. Bei dem Monumentalwerk „The Tree of Life“ (Der Baum des Lebens) von Terrence Malick, das am 16. Juni in Deutschland in die Kinos kommt, fällt es besonders schwer. Sagen wir es so: Es ist ein Film über Gott, das Leben, das Universum und den ganzen Rest. Vor allem aber ist es ein Meisterwerk.

Die klassische Frage nach einem Kinobesuch: „Wovon handelt dieser Film?“ kann man im Falle von „The Tree of Life“ fast nicht beantworten. Es gibt zwar durchaus Handlung in den 138 Minuten, und langweilig ist keine einzige davon. Aber würde man die bloße Handlungsgeschichte wiedergeben, hätte man damit rein gar nichts erklärt.

Terrence Mallick macht traditionell keine Filme, die auf Sat1 als „Filmfilm“ laufen, oder die man sich bei Knabberzeug und Bier abends zum Abschalten ansehen könnte. Der Amerikaner ist der Poet unter den Hollywood-Regisseuren. Er studierte Philosophie und schrieb seine Doktorarbeit über Heidegger und Wittgenstein. Sein Kriegsepos „Der schmale Grat“ wurde 1999 siebenfach für den Oscar nominiert, und war alles andere als ein oberflächlicher Ballerfilm. Sein neuester Film ist vielleicht einer der philosophischsten Filme, die das amerikanische Kino je hervorgebracht hat. Und er ist voll von religiösen Sinnbildern. Vielleicht wurde er deswegen beim Filmfestival von Cannes ausgebuht? Dass Sean Penn und Brad Pitt mitspielen, dürfte Fans des Mainstream-Kinos anlocken. Dabei taucht Penn nur Rande auf, und um Pitt überhaupt zu erkennen, braucht man eine Weile.

Der Film beginnt mit einem Bibelzitat. Hiob 38,4: „Wo warst du, als ich die Erde gründete? Sage mir’s, wenn du so klug bist“. Das fragte Gott Hiob aus einem Sturm heraus. Die Worte sollen Hiob klar machen: Was auch immer dir an Unglück geschieht: Ich bin und bleibe Herr über diese Welt. Diese Eingangsworte sind das Fundament für den Film. Mallick zeigt uns zunächst wunderschöne Bilder der Natur, der Schöpfung und wie alles begann. Am Anfang war das Licht, bei Mallick ist es ein waberndes Leuchten verschiedener Farben, das später noch öfter auftaucht. Eine Allegorie für Gott? Im Voice-Over heißt es: „Nonnen lehrten uns, dass es zwei Wege im Leben gibt: den Weg der Natur und den Weg der Gnade.“ Wir müssen uns stets für einen von beiden entscheiden. Zu sanftem, geradezu kirchlichem Chorgesang erklärt die Stimme: Die menschliche Natur ist zutiefst egoistisch, sie will nur sich selbst dienen und ihren Willen durchsetzen. Die Gnade hingegen vergibt anderen, sie erduldet Ungerechtigkeiten. „Die Natur findet immer Gründe, um unglücklich zu sein.“

Die erste Viertelstunde ist eine Demonstration des Könnens Mallicks, nur mit Bildern, Einstellungen, Schnitten und Musik Gänsehaut hervorzuzaubern. Gesprochen wird im gesamten Film wenig, doch es sind tatsächlich kaum Worte notwendig, um die Geschichte vom Leben, oder besser: vom Baum des Lebens, zu erzählen. Wenn gesprochen wird, dann sind es meistens die intimen Gedanken der Protagonisten, geformt als Gebet zu Gott. „Ich werde dir treu sein, was auch immer kommt“, sagt die Mutter der Familie voller Liebe. Zu Beginn des Films stirbt einer ihrer Söhne, doch man erfährt kaum etwas über die Umstände. Wichtig ist nur der Schmerz, den dieser Verlust auslöst, sowie die Frage aller Fragen: die nach Gott. Ist er wirklich liebevoll? Wie kann er Leid zulassen? Warum hat er uns gemacht, wenn das Leben doch nie wirklich vollkommen ist?

Gottes Handschrift in der Schönheit der Natur

„Nun ist er in Gottes Hand“, sagt ein Geistlicher bei der Beerdigung. Doch die Mutter fügt voller Gewissheit hinzu: „Er war immer in Gottes Hand.“ In Gottes Hand wissen sich alle Protagonisten des Films. Doch nichtsdestotrotz rätseln sie, wie das alles sein kann: diese Schönheit des Lebens gleich neben dem unerklärlichen Nichts, das ständig über allem schwebt.

Es ist die Frage nach Gott, die den Film durchzieht wie ein roter Faden. „Herr, warum? Wo warst du?“, fragt die Mutter nach dem Tod ihres Sohnes. Zu sehen ist wieder das Leuchten, das wir von der Sequenz der Schöpfung kennen. „Wusstest du es? Wer sind wir dir? Antworte mir!“ Gott erscheint uns auch in den schönen Formen der Natur, die laut Bibel seine Handschrift tragen. Ein loderndes Feuer, ein Sternennebel draußen im Universum, Formen von bunten Schlieren im Wasser, die atemberaubende Schönheit von Galaxien – nur derartige Bilder sind geeignet, um auf die Erhabenheit des Schöpfers hinzudeuten. Als seien diese religiösen Bezüge nicht schon genug, lässt Mallick das „Lacrimosa“ („Tag der Tränen“) aus dem mittelalterlichen Hymnus „Dies irae“ über das Jüngste Gericht ertönen.

Was haben ein tosender Wasserfall, Planeten, die um eine Sonne kreisen, Meteoriteneinschläge und prächtig in der Abendsonne leuchtende Wolken mit einer Familie in Waco, Texas, in den 50er Jahren zu tun? Ganz einfach: Es sind die Fragen, die uns Menschen nahezu täglich beschäftigen, die uns ins Universum blicken und uns nach Gott suchen lassen. Der Schmerz, der einem aus unerfindlichen Gründen widerfährt, oder der nagende Zweifel am Sinn veranlassen einen dazu. Und die Schönheit der Natur verweist auf einen an sich liebenden Schöpfergott – auch wenn wir sein Werk nicht vollständig verstehen. „Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick (der Erlösung) mit uns seufzt und sich ängstet“, schrieb Paulus im Römerbrief. Es ist der Baum des Lebens, für den der Mensch biblisch gesehen von Anfang an bestimmt war.

Auch die Gebete von Jack, dem älteren Sohn, hören wir, und es sind ähnliche Fragen, die ihn beschäftigen. Vor seinem Bett kniend betet Jack ein typisches Kinder-Gebet, hilf mir, dass ich dieses und jenes schaffe. Doch dann fragt er ganz wie ein Erwachsener unwillkürlich und voller Sehnsucht: „Wo wohnst du? Ich will sehen, was du siehst.“ Später steht er vor einer Verzweiflung, die ganze Generationen von Philosophen wie Sören Kierkegaard beschäftigt hat: „Was ich möchte, darf ich nicht. Und was ich tue, hasse ich.“

In der Kirche predigt ein Pastor über Hiob. Der habe, auch wenn ihm viel Leid passierte, nie Gott vergessen, sondern stets gewusst, wer ihm dieses Leid antat. „Wir müssen das finden, was größer ist als unser Glück“, heißt es in seiner Predigt. „Es gibt etwas Wichtigeres, als dass wir immer gesund und glücklich sind.“ Denn wir sind nicht immer gesund und glücklich. Daher gibt der Film dem Zuschauer Erkenntnisse mit auf den Weg. In der Welt werden immer die Falschen geliebt, und die Falschen sind arm. Die Welt ist ungerecht. Doch die Treue zu Gott ist wichtiger als unser irdisches Wohlergehen oder eben Nicht-Wohlergehen. Die Liebe zu Gott überdauert das Übel. Liebt einander und verzeiht einander, solange ihr auf dieser Erde seid.

Der Film „The Tree of Life“ ist mehr als eine Geschichte, die man in drei Sätzen zusammenfassen kann. Die majestätischen Natur-Aufnahmen, die sakrale Musik von Brahms bis Bach, das alles wirkt vor allem emotional. Mit wenigen Strichen vermag Mallick ein Bild zu zeichnen von einem Gefühl. Hier ist es das Gefühl von jemandem, der Gott liebt, ihn sucht, ihn aber oft vermisst und an ihm zweifelt, am Ende aber immer die Gewissheit hat, dass es einen Sinn gibt, ein Ziel. Und das ist der Baum des Lebens.

Quelle:  www.pro-medienmagazin.de

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