6000 Punkte für den Himmel

 

Herr Weber ist ein ganz normaler Mensch. »Tue recht und scheue niemand!« ist sein Lebensmotto — und damit kann er ganz gut leben. Doch eines Tages findet er sich vor der Himmelspforte wieder und muss beweisen, ob er tatsächlich gut genug ist für den Himmel.

 

Etwas verwirrt sah sich Herr Weber um. Ganz so nüchtern hatte er sich das alles nicht vorgestellt. Die Wände
waren vollgestellt mit Büchern. Der Mann am Schreibtisch hatte ein professionelles Lächeln aufgesetzt. Nicht
unbedingt herzlich.
Herr Weber spürte, wie seine Handflächen feucht wurden.
»Also, ich wollte mich hier melden«, begann er schüchtern und überlegte fieberhaft, was er weiter sagen sollte.
»Mein Leben ist ja nun zu Ende, und ich würde gerne in
den Himmel kommen.«
Der Gesichtsausdruck des Mannes veränderte sich nicht.
»Das wollen alle.«
»Ach ja?«, wunderte sich Herr Weber. »Früher, auf der
Erde, meine ich, da haben viele etwas ganz anderes gesagt. Sie meinten, es wäre zu langweilig im Himmel.«
»Sie ändern ihre Meinung sehr schnell, wenn sie mal
statt der seltsamen Bilder, die man sich auf der Erde von
Himmel und Hölle so macht, die Wirklichkeit gesehen
haben.«
»Ja«, meinte Herr Weber, »das ging mir auch so. Drü-
ben sah ich meine Schwiegermutter und meinen Nachbarn, der ja mein Todfeind auf der Erde war. Wenn ich
mit denen die Ewigkeit verbringen müsste …«
»Dann wollen wir mal sehen, was sich machen lässt«,
sagte der Mann am Schreibtisch. In seiner Stimme fehlte
die Zuversicht. Herr Weber wappnete sich. Er hatte sich
schließlich nichts vorzuwerfen.

»Was muss ich denn nun machen, um in den Himmel zu
kommen?«
»Sie brauchen 6000 Punkte.«
»6000 Punkte? Und wie bekommt man die?«
»Durch gute Werke, tadelloses Leben, gute Moral usw.«
»Ach ja«, lächelte Herr Weber getrost, »das müsste
ich schon erreichen können. Ich war kein schlechter
Mensch. Ich habe in meinem ganzen Leben niemanden
umgebracht, ich habe nie gestohlen, habe immer versucht, freundlich zu meinen Mitmenschen zu sein, ich
ging regelmäßig zur Kirche – oder zumindest fast regelmäßig …«
»Halt!«, rief der Mann. »Wir müssen das im Einzelnen
festhalten und die Punkte zusammenzählen.«
»Also gut.« Herr Weber war die Ruhe selbst. »Soll ich
anfangen, oder stellen Sie die Fragen?«
»Fangen Sie ruhig einmal an.«
»Ja, das ist gar nicht so einfach. Schließlich führt man
nicht Buch über all die Dinge, die man gut gemacht
hat«, räumte Herr Weber bescheiden ein.
»Wir schon! Machen Sie sich also darüber keine Sorgen.«
Warum wurde ihm denn so unbehaglich bei diesen Worten? Herr Weber schüttelte die schlechte Stimmung ab.
»Also, fangen wir zuerst mal bei meiner Frau an. Ich
habe sie immer gut behandelt, nie geschlagen, und sie
musste auch nie um Geld betteln. Ich sorgte immer dafür, dass sie genug zur Verfügung hatte. Streit hatten
wir nur selten, und ich habe sie auch nie dabei angeschrien, oder fast nie.« Zufrieden sah Herr Weber, dass
der Mann am Schreibtisch Striche machte. »Dann zu

meinen Kindern. Die habe ich sehr geliebt. Vor allem
meinen Sohn. Ich habe schwer geschuftet, um ihm ein
besseres Leben zu ermöglichen. Ich bestand darauf,
dass er aufs Gymnasium ging. Ich zahlte die Nachhilfestunden, die er dafür brauchte, ich redete ihm Tag und
Nacht ins Gewissen …«
»Was ist aus ihm geworden?«
Etwas aus dem Konzept gebracht, starrte Herr Weber
sein Gegenüber an. Sollte er die Wahrheit sagen? Nun,
hier würde ihm das Flunkern wohl nicht viel nützen. Die
wussten bestimmt alles.
»Er geriet in schlechte Gesellschaft. Hat sich irgend so
einer Kommune angeschlossen, was immer das auch
sein mag. Das war der Dank!«
Herr Weber fasste sich gewohnheitsmäßig ans Herz,
doch da reagierte gar nichts. Erschrocken sah er, dass
der Mann ein paar Striche wieder ausradierte.
»Was machen Sie da?«
»Dafür können wir Ihnen natürlich keine Punkte geben.
Das sehen Sie bestimmt ein, oder?«
Eigentlich wollte Herr Weber aufbegehren, aber plötzlich
sah er mit erschreckender Klarheit etwas, was er auf der
Erde nie hatte einsehen wollen. Er hatte seinen Sohn in die
Enge getrieben, er hatte immer zu viel von ihm verlangt.
»Na gut, ich verstehe. Aber da war noch meine Tochter.
Sie ist ein anständiges, nettes Mädchen geworden.«
Aufatmend sah Herr Weber, dass der andere einen Strich
machte. Doch dann dämmerte ihm etwas. »Was tun Sie
da? Ein einziger Punkt dafür? Und was ist mit all den
Nächten, die wir durchgewacht haben, als sie krank
war; mit der Ausbildung, die ich bezahlt habe?«

»Die durchwachten Nächte gehen, soviel ich weiß, auf
das Konto Ihrer Frau, das andere müssen wir einzeln
betrachten.«
Herr Weber sackte zusammen. »Also, dann weiter. Meine Schwiegermutter war wirklich ein böser Mensch.
Trotzdem habe ich sie immer sehr höflich behandelt …«
Er beugte sich vor.
»Was, nur einen Punkt? Wissen Sie denn nicht, was mich
das gekostet hat?«
»Doch, doch«, beruhigte ihn der andere, »aber Sie hätten sie lieben sollen.«
»Meine Schwiegermutter! Wie hätte ich denn das machen sollen?«
Der Mann hinter dem Schreibtisch schien sich nicht auf
Einzelheiten einlassen zu wollen.
»Also, machen wir weiter.«
Erschöpft redete Herr Weber weiter: »Meinem Nachbarn habe ich oft geholfen …«
»… aber zuletzt waren Sie doch sehr verfeindet«, unterbrach ihn der Mann.
»Ja, natürlich!« Herr Weber wurde heftig. »Wie hätte man denn mit dem in Frieden leben sollen?« Resigniert starrte er seinen unerbittlichen Gesprächspartner an.
»Wie viele Punkte habe ich denn?«
»Zweiunddreißig.«
Das verschlug sogar Herrn Weber die Sprache. »Was, so
kann ich höchstens auf fünfzig Punkte kommen. Gibt es
etwas, wo man mehr Punkte bekommt? Versuchen wir
es doch mal mit den Zehn Geboten – die habe ich fast
alle gehalten.«

»Ja«, räumte sein Gegenüber mit freundlicher Stimme
ein, »da würde es sehr viele Punkte geben.«
Tief seufzend lehnte sich Herr Weber zurück. »Fangen
wir doch einmal an mit: Du sollst nicht stehlen. Ich war
immer ehrlich. Mein Bruder, der hat schon als Kind gestohlen; ich nicht.«
»Wie steht’s mit der Steuererklärung? Immer vollkommen ehrlich?«
Herr Weber schluckte.
»Aber das ist doch kein Stehlen. Das hat doch jeder gemacht.«
»Leider haben Sie damit den Staat bestohlen. Und wie
war das mit dem Versicherungsfall damals, als Sie …«
»Das gilt auch als Stehlen?«, unterbrach Herr Weber
entsetzt. »Also lassen wir das. Wenn ihr so kleinlich seid,
brauche ich das Gebot über das falsche Zeugnisablegen
gar nicht erst erwähnen. Natürlich habe ich hier und da
mal eine Notlüge gebraucht, aber ich war bemüht, nie
schlimm zu lügen.«
Ein Blick zu dem Mann sagte alles.
»Versuchen wir es mit dem nächsten: Du sollst nicht tö-
ten. Das weiß ich nun ganz genau, dass ich das nicht
übertreten habe. Wie viele Punkte gibt das?«
»Wir müssen das erst einmal klären. Erinnern Sie sich
an die Worte, als der Gerichtsbeschluss kam, der Ihrem
Nachbarn recht gab?«
Schweigen.
»Sie sagten: ›Dem Kerl drehe ich noch mal den Kragen
um.‹«
»Das redet man doch nur so daher. Schließlich habe ich
es nicht getan.«

»Und wie oft haben Sie ausgerechnet, wie lange Ihre
Schwiegermutter mit ihrer Krankheit wohl noch zu leben hat und was Sie dann erben? Haben Sie nicht mit
dem Arzt darüber gesprochen, dass man ihr Leben nicht
verlängern sollte?«
Herr Weber wurde zum ersten Mal richtig verlegen.
»Aber sie ist einen ganz natürlichen Tod gestorben, und
ich habe sie nicht umgebracht.«
»Aber der Wunsch war in Ihrem Herzen vorhanden, und
Sie wollten den Arzt für Ihre Pläne missbrauchen.«
»Weiß meine Schwiegermutter nun auch davon?«, hauchte Herr Weber entsetzt.
»Ja, selbstverständlich. Hier weiß jeder alles vom andern.«
»Alles?«
»Ja, alles!«
»Und wenn ich einen einzigen Ehebruch begangen habe,
bekomme ich auch da keine Punkte?«
Stumm schüttelte sein Gegenüber den Kopf.
»Obwohl Sie wissen, dass ich meiner Frau 37 Jahre
lang treu war und dass da nur dieser einzige dumme
Fehltritt von mir war? Ich war kein Mann, der anderen
Frauen nachstieg.«
»Aber in Gedanken?«
»In Gedanken!«, schrie Herr Weber nun gequält auf. »Was
tut man nicht alles in Gedanken. Aber das machen doch
alle. Ich war ein ganz normaler Mensch, ich war nie besonders schlecht. Ihr könnt doch hier nicht pedantisch sein!«
»Aber Herr Weber, wir haben hier ein sehr ausgeprägtes
Gerechtigkeitsgefühl. Wie oft haben Sie nach Gottes Gerechtigkeit gerufen, die sich einmal zeigen soll? Nun,

hier ist sie. Gott hat niemanden darüber im Unklaren
gelassen, dass er am Ende des Lebens richten wird. Das
haben Sie doch auch gehört, oder?«
»Ja, schon, aber ich dachte, ich sei nicht so schlecht, um
abgeurteilt zu werden.«
»Aber warum hat dann Gott seinen Sohn gesandt, um
für die Sünder zu sterben?«
»Daran habe ich schon geglaubt.« Plötzlich wurde Herr
Weber wieder lebhaft. »Heißt es denn nicht irgendwo in
der Bibel, dass der das ewige Leben bekommt, der an
Jesus Christus glaubt?«
»Doch, Sie kennen sich gut aus. Aber Sie haben ja gar
nicht wirklich an ihn geglaubt. Der Sühnetod Jesu hatte
für Sie im Grunde keine Bedeutung. Sie wollten es ja mit
Ihren eigenen Taten schaffen. Sie waren in Ihrem tiefsten
Innern nicht davon überzeugt, dass der Sohn Gottes
auch für Sie ganz allein hätte sterben müssen, weil Sie
vor Gott nicht bestehen können. Sie waren gar nicht so
schlecht in Ihren Augen.«
»Das muss ich leider zugeben. Ich kann mich auch nicht
daran erinnern, dass mir jemand gesagt hätte, dass es hier
so streng zugeht. Habe ich noch irgendeine Möglichkeit?«
»Wir haben alles, was Sie getan haben, in einem Buch aufgeschrieben: Gutes und Schlechtes. Wir könnten das gegeneinander abwägen. Wenn dann 6000 Punkte übrig bleiben, dürfen Sie hier bleiben. Soll ich das Buch holen?«
Resigniert winkte Herr Weber ab. »Lassen Sie das, das
erreiche ich nie. Aber das sage ich Ihnen noch, bevor
ich gehe. Sie haben ja scheinbar überhaupt keine Ahnung, wie es draußen in der Welt zugeht. Da kommt ja
niemand hier herein!«

Dann machte er eine kleine Pause, besann sich. »Aber, wo
kommen denn diese Menschen alle her, die da lachend
herumgelaufen sind? Ich wette, die haben es genauso
wenig verdient wie ich. Hatten wohl genügend Geld, um
den Eintritt zu bezahlen«, setzte er boshaft hinzu. Jetzt
war es sowieso egal, was sein Gegenüber dachte.
Doch der blieb völlig ruhig und sachlich. »Sie haben
immer noch nicht verstanden, was ich Ihnen mitteilen
wollte. Diese Menschen haben eine Eintrittskarte bekommen, das stimmt …«
»Dacht’ ich mir doch!«, unterbrach ihn Herr Weber trotzig.
»Aber die haben sie nicht bezahlt, niemand konnte so
viel zahlen, nur einer. Und der hat gleich für alle bezahlt. Es gab eine 6000-Punkte-Karte ganz umsonst.
Wer seinen Stolz beiseitelegte, über seinen falschen
Weg Buße tat und sich diese Karte von Jesus Christus
schenken ließ, weil er einsah, dass er die erforderliche
Punktzahl nie und nimmer erreichen würde, der hat hier
freien Eintritt … für die Ewigkeit.«
»Und der darf für immer in diesem herrlichen Land leben?«
»Für immer!«, bekräftigte der Mann leise.
»Aber warum hat mir denn das keiner gesagt, das hätte
ich doch gleich gemacht. Ich wurde völlig falsch informiert. Ich dachte, man müsse nur halbwegs recht leben.
Sie kennen doch das Sprichwort: ›Tue recht und scheue
niemand.‹ Daran habe ich mich immer gehalten. Können Sie denn gar keine Ausnahme machen?«
Verzweifelt beugte sich Herr Weber über den Tisch und
versuchte, die Hand des Mannes zu erfassen. Doch der

zerrann in einem grauen Nebel. »Hören Sie mir doch
zu! Lassen Sie mich doch nicht allein! Ich will nicht an
diesen furchtbaren Ort!«
Schweißgebadet wachte Herr Weber auf. Verängstigt
sah er sich um. Es war so dunkel wie dort, wo er nicht
hinwollte.
»Was hast du denn, Werner, hast du schlecht geträumt?«
»Geträumt?«
Ja, es war alles nur ein Traum gewesen! Mit einem Ruck
schoss Herr Weber aus dem Bett. Nur ein Traum, dachte
er überglücklich. Er hatte also noch eine Chance; und
die wollte er nutzen, damit sein Traum keine Wirklichkeit werden würde.
»Es ist dem Menschen bestimmt, einmal zu sterben, danach kommt das Gericht.«
(Hebräer 9,27)
»Wer an den Sohn glaubt, hat ewiges Leben; wer aber
dem Sohn nicht gehorcht, wird das Leben nicht sehen,
sondern der Zorn Gottes bleibt auf ihm.«
(Johannes 3,36)
»Denn durch die Gnade seid ihr errettet durch Glauben,
und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es; nicht aus
Werken, damit niemand sich rühme.«
(Epheser 2,8-9)

Quelle hier 

Botschaft für Dich

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